Anja Weber

Die Zürcherin ist nicht nur Langläuferin im Elite A-Kader von Swiss-Ski sondern parallel auch professionelle Triathletin. 2022 wurde sie im Langlauf u23 Weltmeisterin. 2025 holte sie sich WM Bronze im Teamsprint.

Interview mit Anja Weber: Zwei Sportarten, ein grosser Traum

Anja Weber ist eine Ausnahmeathletin. Während sich viele Sportlerinnen und Sportler früh auf eine Disziplin festlegen, lebt sie den Spagat zwischen Winter- und Sommersport, zwischen Langlauf und Triathlon. Die 24-jährige Zürcher Oberländerin hat bereits WM-Medaillen gewonnen und träumt von Olympia – gleich in zwei Sportarten. Ein Gespräch über Leidenschaft, unterschiedliche Perspektiven und die Frage, ob man sich im Leben entscheiden muss.

Anja, was war dein schönster Trainingsmoment in diesem Jahr? 

Mein schönster Trainingsmoment war in Font Romeu diesen Sommer, als ich mich während eines langen Laufs spontan entschied, noch auf den Pic Carlit zu gehen. Leider hatte ich danach ziemlich Muskelkater – doch die fantastische Aussicht hat sich definitiv gelohnt.

Wie verändert sich deine Sicht auf den Sport jeweils, wenn du zwischen Loipe und Strasse, Ski und Velo wechselst? 

Für mich ist das die perfekte Abwechslung. Ich liebe es, unterschiedlich zu trainieren – so wird es nie langweilig und das Risiko von Verletzungen oder Überlastungen ist viel geringer, als wenn man immer dasselbe macht.

Du sagst, du möchtest dich nicht zwischen den Sportarten entscheiden. Wo liegen die grössten Herausforderungen, wenn man über das ganze Jahr Saison hat? 

Mit Langlauf und Triathlon habe ich zwei Saisons, die ich unter einen Hut bringen muss. Die grösste Herausforderung ist sicherlich die Planung – sowohl der Wettkämpfe als auch der Trainings. Es ist wichtig, sich bewusst Zeit für Grundlagen und Aufbauphasen zu nehmen, sonst fehlt irgendwann die Basis, wenn man nur noch von Rennen zu Rennen reist.

«Für mich ist das die perfekte Abwechslung. Ich liebe es, unterschiedlich zu trainieren – so wird es nie langweilig.»
Anja Weber

Und wo siehst du für dich den grössten Vorteil? 

Ich bin sehr vielseitig – das ist definitiv eine meiner Stärken. Dadurch bleibe ich immer motiviert und kann meinen Sport mit Leidenschaft ausüben. Zudem gibt es viele Trainingsaspekte, die sich gegenseitig perfekt ergänzen.

Inwiefern prägen deine Erfolge im Langlauf deine Leistungen als Triathletin und umgekehrt? 

Beide Sportarten profitieren stark voneinander. Sie sind beide Ausdauersportarten und man muss zudem eine gewisse Schnelligkeit haben, um sich auf kürzeren Distanzen zu etablieren. Ausserdem habe ich insgesamt ein bisschen weniger Druck, da ich im schlimmsten Fall immer noch auf eine Sportart wechseln könnte, falls ich merke, dass etwas nicht mehr passt oder die Erfolge ausbleiben.

Dein Blick geht Richtung Milano 2026 im Langlauf und Los Angeles 2028 im Triathlon. Was bedeutet es für dich, eine Perspektive sowohl für eine Winter- wie auch für eine Sommer-Olympiade zu haben? 

Es war schon immer mein Traum, an den Olympischen Sommer- und Winterspielen teilzunehmen und um eine Medaille zu kämpfen. Dass ich diesen Traum mit Leidenschaft weiterverfolgen kann, bedeutet mir unglaublich viel, denn das haben bisher nur sehr wenige Athletinnen und Athleten erreicht.

Du hast eine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen. Welche Rolle spielt diese Seite von dir in deinem aktuellen Alltag? 

Ich war extrem stolz, dass ich meine kaufmännische Ausbildung mit Berufsmaturität bei

Belimo in Kooperation mit der United School of Sports abschliessen konnte. Das hat mir erlaubt, mich voll auf den Sport zu konzentrieren und gleichzeitig eine solide Grundlage für die Zukunft zu schaffen. Es gibt mir eine gewisse Sicherheit und hilft mir, die vielen bürokratischen Angelegenheiten im Leben einer Sportlerin zu meistern.

Wie beeinflusst der Wechsel zwischen verschiedenen Umgebungen deine Sicht auf den Sport und vielleicht auch dich selbst? 

Ich liebe die Abwechslung, sei es durch neue Umgebungen oder durch unterschiedliche Menschen. So entdeckt man immer wieder neue Seiten an sich selbst und sieht die Welt aus verschiedenen Blickwinkeln.

Im Triathlon schwimmst du Kilometer im offenen Wasser, im Langlauf kämpfst du in der Kälte. Was ist härter: das Frieren auf der Loipe oder das Brennen in der Lunge nach einem Triathlonlauf? 

Eine sehr schwierige Frage. Die Belastung ist in beiden Sportarten extrem hoch, man geht immer an die Grenzen. Der grosse Unterschied ist die Temperaturspanne. Ich bewege mich zwischen +37 °C und -20 °C. Deshalb mag ich weder extreme Hitze noch extreme Kälte besonders gern.

Wie siehst du Nervosität vor einem wichtigen Tag: eher Belastung oder eher Motivation? 

Meine besten Rennen hatte ich oft dann, wenn ich am nervösesten war. Es ist zwar nicht immer angenehm vor dem Start, aber ein gewisses Mass an Nervosität gehört für mich auf jeden Fall dazu.

«Durch den Wechsel entdeckt man immer wieder neue Seiten an sich selbst und sieht die Welt aus verschiedenen Blickwinkeln.»
Anja Weber

Was schätzt du besonders an Gesprächen mit deinen Coaches? I

ch bin sehr dankbar, dass ich seit über zehn Jahren auf Michi Rüegg als Hauptcoach zählen darf. Er kennt mich in- und auswendig und ist eine sehr wichtige Bezugsperson für mich. Auch Karoline Bråten Guidon (Swiss-Ski-Coach) schätze ich sehr – sie ist offen und zeigt grosses Verständnis für meine beiden Sportarten.

Wie würden deine Freunde dich in drei Worten beschreiben? 

Gute Frage! Ich denke, meine Freunde würden sagen, ich bin sehr aufgestellt, positiv und kann ab und zu ein bisschen stur sein.

Viele Athletinnen verstehen sich heute auch als Botschafterinnen für Werte wie Gleichberechtigung, Nachhaltigkeit oder Fairness. Gibt es Themen, die dir persönlich besonders am Herzen liegen? 

Diese drei Werte sind mir alle sehr wichtig, vor allem Fairness und Nachhaltigkeit. Fairness ist im Sport extrem wichtig und wenn wir in Zukunft eine schöne und intakte Natur haben wollen, müssen wir der Umwelt Sorge tragen.

Welchen Tipp würdest du Nachwuchs-Athletinnen mit auf den Weg geben? 

Das Wichtigste auf meinem Weg war, dass ich mir selbst treu geblieben bin. Auch wenn viele wollten, dass ich mich für eine Sportart entscheide, habe ich das gemacht, was mir Freude bereitet hat. Das würde ich auch jungen Athletinnen raten: Macht das, was euch Spass macht – dann kommt der Rest von ganz allein!